Ein herabstürzender Baum trifft ein Polizeiauto (Quelle: dpa)Mindestens neun Tote, mehrere Verletzte und Millionenschäden - das ist die vorläufige Bilanz des Orkantiefs "Emma". Das örtliche Geschehen sei teilweise "dramatisch", sagte Jörg Kachelmann vom Wetterdienst Meteomedia. Vielerorts erreichte der Orkan Windgeschwindigkeiten von mehr als 120 Kilometern pro Stunde. Den Rekordwert registrierte Meteomedia mit 222 km/h auf dem 1838 Meter hohen Wendelstein in den Bayerischen Alpen. Mittlerweile hat eine Sturmflut die niedersächsische Nordseeküste erreicht. Vorsicht: Auch am Sonntag soll es noch kräftig stürmen.
"Emma" hat der niedersächsischen Nordseeküste am Samstag eine Sturmflut gebracht. Wie der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mitteilte, lief die Nachmittagsflut zum Teil zweieinhalb Stunden früher auf und brachte deutlich höhere Wasserstände. Borkum und Emden waren von einer schweren Sturmflut betroffen. In Emden lag der Höchstwert am Samstagnachmittag bei 2,63 Meter und damit knapp einen Meter unter dem Pegel bei der Allerheiligenflut 2006. Auf den ostfriesischen Inseln lief das Wasser knapp zwei Meter über dem mittleren Tidehochwasser auf. Ob es größere Dünenabbrüche gegeben habe, könne der NLWKN erst am Montag sagen.
Durch den Orkan stand auch der Hamburger Fischmarkt am Samstagabend unter Wasser. "Das Wasser läuft auf", sagte ein Polizeisprecher. Rund um den Fischmarkt wurden mehrere Straßen gesperrt. Nach Angaben der Feuerwehr wurden auch die Flutschutztore geschlossen. Für den Abend erwarteten die Experten des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie für die Hansestadt eine Sturmflut mit Wasserständen von 2,50 bis 3,00 Metern über dem mittleren Hochwasser. Betroffen seien unter anderem die Speicherstadt und mehrere Bereiche im Hafen.
"Emma" deckt Häuser ab
Feuerwehren und Polizei waren wegen des Orkans vor allem im Westen und Süden Deutschlands im Dauereinsatz: "Emma" deckte Häuser ab, riss Bauzäune oder Schilder heraus und führte zu Stromausfällen. In Süddeutschland gab es zudem am Samstag, dem meteorologischem Frühlingsanfang, heftige Hagelschauer, Schnee, Gewitter und Überschwemmungen. Allerdings waren die Verwüstungen, die der heftige Sturm bisher in Deutschland und anderen europäischen Ländern anrichtete, bei weitem nicht so schlimm wie die nach dem Orkan "Kyrill" vor einem Jahr.
Fichte erschlägt Autoinsassen
Ein 58 Jahre alter Mann wurde bei Wissen im Westerwald in einem Auto von einer über 30 Meter hohen Fichte erschlagen. Der 20-jährige Fahrer und zwei weitere Insassen kamen mit dem Schrecken davon. Bei Oberpfaffenhofen in Bayern wurde ein 72-jähriger Motorrollerfahrer von einer Böe erfasst und auf die Gegenfahrbahn gedrückt. Dort prallte er mit einem Lastwagen zusammen und starb. In Sachsen wurde eine Frau getötet, als sich das Auto ihres Sohnes wegen der plötzlichen Schneeglätte quer stellte und ihnen ein entgegenkommender Wagen in die Seite raste.
Tote in Österreich und Tschechien
In Österreich sind mindestens vier Menschen durch "Emma" ums Leben gekommen, darunter zwei Urlauber aus Deutschland. Nach Angaben der Nachrichtenagentur APA vom Samstag starb ein 77 Jahre alter deutscher Tourist in Tirol, als ein Baum auf sein Auto krachte. Seine 67-jährige Frau erlitt Knochenbrüche. Ebenfalls in Tirol kam auf einem Campingplatz ein 69-Jähriger aus dem Raum Friedrichshafen ums Leben. Eine Windböe hatte den Urlauber und seine Frau unter dem eigenen Wohnwagen begraben. Beide hatten zuvor versucht, ein Vorzelt zu befestigen. Die Frau kam ins Krankenhaus. In einem Cabrio starb eine Frau in St. Pölten, als ein Baum das Auto zerschmetterte. Außerdem wurde im Bundesland Salzburg ein Urlauber - vermutlich ein Brite aus Manchester - in einem Taxi von einem herabstürzenden Felsbrocken getötet. Auch dieses Unglück soll eine Folge des Sturms sein. Nach Angaben der Nachrichtenagentur CTK starben am Samstag in Tschechien ein Mann und ein elfjähriges Mädchen. Sie seien von herumfliegenden Gegenständen getroffen worden.
In Deutschland kippte ein Reisebus mit Touristen auf dem Weg zum Münchner Flughafen in eine Böschung. Sechs Insassen wurden verletzt, einer von ihnen schwer. In Rheinland-Pfalz prallten Fahrzeuge gegen Bäume auf Straßen; zwei Fahrer erlitten Blessuren. Eine Fichte verletzte eine Autofahrerin im Sauerland schwer.
Ein Loch im Dach: die Folge des Crashs zwischen ICE und Baum (Quelle: ddp)
ICE prallte auf Baum
Beim Aufprall eines ICE-Zuges auf einen umgestürzten Baum in Brühl bei Bonn wurden mehrere Menschen verletzt. Der Zug entgleiste aber nicht. Die Deutsche Bahn sperrte zeitweise zahlreiche Strecken wegen umgestürzter Bäume. Im Reiseverkehr kam es deshalb zu erheblichen Verspätungen zunächst im Westen der Republik. Mit dem Verlauf des Sturms nach Osten kamen Behinderungen in Hessen, Thüringen und Brandenburg hinzu. Betroffene Strecken im Fernverkehr sollten bis zum späten Samstagnachmittag wieder befahrbar sein. Im Nahverkehr von Bayern und Thüringen dauerten die Behinderungen voraussichtlich bis Sonntag an, sagte ein Bahnsprecher. Zugreisende konnten sich unter der kostenlosen Telefonnummer 08000-996633 über Störungen informieren. Eine Übersichtskarte im Internet zeigt unter www.bahn.de den aktuellen Stand der Störungen.
Besonders hart traf es Bayern, wo orkanartige Böen Dächer und Industriehallen abdeckten und Bäume auf Häuser, geparkte Autos und Stromleitungen stürzten. Auf dem Wendelstein erreichte der Wind einen Spitzenwert von 220 Kilometer pro Stunde. Die Behörden bezifferten den Schaden an Gebäuden und Autos allein im Bereich Bayreuth mit mehreren 100.000 Euro. In den Landkreisen Bamberg und Forchheim fiel zeitweise der Strom aus. Auf dem Flughafen München kam es wegen Hagels zu zahlreichen Verspätungen. Wegen umgestürzter Bäume mussten zeitweise die Autobahnen A9 und A70 gesperrt werden. Der Damen-Slalom beim alpinen Ski-Weltcup im Bayerischen Wald wurde abgesagt.
Sintflutartiger Regen
Schwere Schauer mit bis zu 60 Litern pro Quadratmeter führte in Nordbayern zu Überschwemmungen und Straßensperrungen. An der Fränkischen Saale, dem Oberen Main und der Pegnitz wurden die ersten Hochwassermeldestufen erreicht.
Hagel behinderte Verkehr
In Teilen Baden-Württembergs hagelte es so heftig, dass der Streudienst anrücken musste. "Man konnte nicht mehr fahren", sagte ein Polizeisprecher. Die Katamaran-Bodenseefähren blieben im Hafen. Umfallende Bäume kappten in mehreren Bundesländern Stromleitungen. Am Frankfurter Flughafen fielen durch den Sturm zahlreiche Flüge aus.